Additive goes E-Commerce

11.05.2022

Ein Beitrag unseres Beiratsmitglieds und Themenpaten für Wirtschaft, Manfred Ostermeier

Wer kennt nicht den Schmerz, ein Angebot für einen 3D-Druck einzufordern? Anfrage formulieren, Anbieter wählen, Preisanfrage stellen, Termine abklären. Am liebsten via E-Mail. Alternative ist in Deutschland immer noch das Fax-Gerät. Nach wenigen Tagen kommt das Angebot. Preis ist OK, aber der Termin stimmt nicht. In der Zwischenzeit haben sich die Daten geändert. Ein wirklich schmerzlicher Alltag für Kunden und Einkäufer.

Abhilfe versprechen die Plattformen im Internet. Es könnte so einfach sein. Daten hochladen, Material auswählen, sofort den Preis bekommen und bestellen. Was früher mindestens eine Arbeitswoche gedauert hat, kann heute in Minuten erledigt werden.

Für die Anbieter der Plattformen ein einfaches Geschäft. Kein Vertrieb mehr notwendig. Die Bauräume der Maschinen füllen sich automatisch. Klingt nach einer Goldgrube. Nicht umsonst wurde der Branchenprimus „Hubs“ (früher 3D-Hubs) für über 300 Mio. US$ an Protolabs verkauft. Es gibt viel Fantasie bei diesem Geschäftsmodell.

Doch das denken sich in dieser Zeit auch andere Unternehmen. Warum nicht auf diesen Zug aufspringen? Durch Anbieter wie 3Yourmind oder AMFG kann heute jede Firma eine eigene Plattform betreiben. Viele Plattformen bringen gute Preise für den Endkunden. Aber was bringt es für die Betreiber?

Zuerst bringt es viele Fragezeichen. Welchen Preis kann man dem Onlinekunden wirklich anbieten. Wo macht man noch Gewinn – und wo ist das Risiko zu hoch? Jede Plattform arbeitet mit einer anderen Strategie den Preis sofort zu generieren. Doch wie ermittelt man den perfekten Preis in der additiven Fertigung? Ist es die Größe des Bauteils? Oder gibt die Menge des Materials den Ausschlag? Wie berechne ich den Preis, wenn ich den Bauraum mit einem Teil fast komplett ausnutze?

Während bei Plattformen wie Protiq eine kundenspezifische Kalkulation auf Excel-Basis der Berechnung zugrunde liegt, hat zum Beispiel Hubs einen richtigen Algorithmus hinter der Kalkulation. Ein Vergleich mit allen bisher gefertigten Bauteilen liegt hier der Berechnung zu Grunde.

Man merkt, hier fließt viel Gehirnschmalz in die Preisfindung bei den Anbietern. Und wenn der eigene Preis höher liegt als der Preis beim Mitbewerber? Dann versucht man die fehlenden Euros zu finden und sich die Preise schönzurechnen. Ein richtiger Preiskampf ist entstanden. Die Betreiber gehen an ihr Limit. Die Leasingrate der Maschine muss bezahlt werden. Lieber kostendeckend arbeiten als kein Geschäft zu haben. Außerdem lernt man so auch noch andere Kunden kennen.

Im kompletten DACH-Markt finden sich derzeit über 50 Plattformen von verschiedenen Anbietern. Jede Woche kommen neue Anbieter auf den Markt. MakerVerse ist der neue Player. Ein Joint-Venture von Zeiss und Siemens Energie. Das Wachstum der Branchenriesen (Hubs, Xometry und Protiq) liegt immer noch im zweistelligen Prozentbereich. Das große Geschäft liegt in der Fertigung kompletter Baureihen. Fräsen und Gießen bringt das Geld. Die kleineren Anbieter versuchen ihre Bauräume zu füllen. Doch was kann der Kunde erwarten? Für sie ist die Online-Bestellung oft noch eine Wundertüte. Es gibt keine verbindlichen Qualitätsmerkmale und kein 100%iges Qualitätsmanagement. Zertifizierungen sind nur selten zu finden.

Auch wenn dem Anwender die Vielzahl der Plattformen noch unübersichtlich erscheint. Ausprobieren lohnt sich aber wirklich. Einfach kleine Losgrößen oder weniger wichtige Projekte mal als Versuchskaninchen nutzen. Im schlimmsten Fall ist man wieder mit den altbekannten Lieferanten zufriedener oder hat auch hier neue Ansätze für Gespräche.

Wohin geht die Reise? Der Markt wird sich konsolidieren. Die Großanbieter teilen den Markt auf und werden jeden verfügbaren Euro in die Forschung und Entwicklung neuer Geschäftsmodelle stecken. Bald bekommen wir auch Spritzgussangebote sofort und verbindlich. Durch genug Kapital der Geldgeber können hier noch viele Preiskämpfe geführt werden.

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